Pièce de résistance / Heraufsteigen
- Paula Leitner

- vor 7 Tagen
- 6 Min. Lesezeit

„Versöhnung in der Familie Abrahams“ lautete der Titel des Vortrags, den ich auf der Konferenz in Gagnières in Südfrankreich hielt. Die Söhne Abrahams waren Ismael und Isaak. Durch Isaak wurden die Verheißungen des Bundes – ein Volk, ein Land und eine Nation – bestätigt (Gen 17:19,21), wodurch er zusammen mit Abraham und Jakob zu einem Stammvater Israels wurde. Ismael wurde mit zwölf Fürsten als Söhnen gesegnet und sollte zu einem großen Volk heranwachsen (Gen 17:20), ohne jedoch an dem Bund teilzuhaben, den Gott mit Abraham geschlossen hatte (Gen 17:18–21; 21:12–13). Die Muslime betrachten Ismael als ihren geistlichen Vater (obwohl nur wenige biologische Nachkommen Ismaels sind) und sehen sich selbst als Nachkommen Abrahams. Wenn wir die Familie Abrahams in diese Epoche einordnen, haben wir das jüdische Volk, das von Isaak abstammt, und die Muslime, die sich als Nachkommen Ismaels verstehen. In Israel bedeutet dies, dass die jüdischen Israelis Isaak sind, die arabischen Israelis und die Palästinenser sich mit Ismael identifizieren und die arabischen Christen oft die Seite der Muslime wählen, weil sie dies im Laufe der Jahrhunderte tun mussten, um zu überleben. Man kann sich also vorstellen, dass die Versöhnung zwischen Ismael und Isaak kein einfaches Thema ist, um an zu sprechen. Es war buchstäblich das „pièce de résistance“ der Konferenz. „Pièce de résistance“ bedeutet den wichtigsten oder bemerkenswertesten Teil oder, wenn es um Essen geht, den Hauptgang einer Mahlzeit. Aber hier bezog sich die „Résistance“ auch wörtlich auf den Widerstand (résistance), den die Menschen in ihrem Herzen verspürten, wenn dieses Thema zur Sprache kam.
Es fällt uns so schwer, Israel zu lieben und gleichzeitig auch die Palästinenser zu lieben. Oder die Palästinenser zu lieben, aber auch Israel. Wir ähneln sehr stark Josua bei seiner Begegnung mit dem Oberste des Heeres des Herrn in Josua 5, Verse 13 bis 15. Hier steht Josua mit den Israeliten, dem Volk Gottes. Josua tut Gottes Willen und befolgt Gottes Gebote und Anweisungen. Sie sind im Begriff, Jericho gemäß Gottes Anweisungen einzunehmen. Und Josua fragt diesen Mann mit dem gezückten Schwert in der Hand: „Bist du für uns oder für unseren Feinden?“ In unseren Gedanken ist die Antwort einfach: Natürlich steht dieser Mann (der ein Bild von Jeschua ist) auf der Seite von Josua und Israel, denn sie sind Gottes Volk, tun Gottes Willen und wandeln auf seinen Wegen. Aber was antwortet dieser Mann? „Nein!“ Für mich fühlt sich das an wie ein „Nein, ich mache bei euren Spielchen von ‚für‘ oder ‚gegen‘, von ‚Freund‘ oder ‚Feind‘ nicht mit. Ich stehe darüber.“ Er steht über dem Freund-Feind-Spiel Josuas, weil Er der Oberste des Heeres des Herrn ist. Das ist buchstäblich eine höhere Ebene. Und von dieser höheren Ebene aus kann man die Dinge aus einer anderen Perspektive betrachten, einer höheren Perspektive. Diese höhere Perspektive ist etwas, worüber Gott uns in TJCII gesprochen hat, mehr oder weniger seit Beginn von Covid. Dies geschah durch einen unserer Fürbitter, der über Offenbarung 4:1 sprach. Dort wird Johannes eingeladen, heraufzukommen, in den Himmel, um zu schauen. Ihm werden Dinge im Himmel gezeigt und Dinge, die auf der Erde geschehen werden, aber er sieht sie aus einer himmlischen Perspektive. Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott auch uns dazu einlädt: höher heraufzukommen, um diese höhere Perspektive zu erlangen.
Ich persönlich hatte während meines ersten Jahres in Jerusalem (2008–2009) mein Herz gegenüber arabischen Christen in Israel verschlossen. Ich besuchte eine arabischsprachige katholische Kirche. Der Gottesdienst war wunderschön und ich wurde dadurch wirklich gesegnet. Doch nach dem Gottesdienst kam ich mit einem der Gemeindemitglieder ins Gespräch, und er begann, sehr negativ über Israel und die Juden zu sprechen. Ich beschloss auf der Stelle, dass es für mich zu schwierig sei, mein Herz für Israel offen zu halten, wenn ich weiterhin mit Menschen in Kontakt bleiben würde, die so negativ über sie sprachen. Doch im vergangenen Oktober, während des strategischen Gebetstreffens von TJCII, hat Gott an der Erweiterung meines Herzens gearbeitet (und mit mir an den Herzen vieler anderer), damit ich genug Liebe sowohl für Juden als auch für Araber/Palästinenser haben würde. Und ich glaube, dass dies etwas ist, wozu Gott viele von uns beruft: Ihm zu erlauben, unser Herz zu erweitern, damit wir beide lieben können. Und über die politische Erzählung von Freund und Feind hinauszuwachsen, um Gottes höhere Perspektive auf die Dinge zu empfangen. Denn Gott möchte die Beziehungen in der Familie Abrahams heilen. Er möchte die Verachtung durch Hagar (Gen 16:4) heilen, aber auch die harte Behandlung durch Sarai (Gen 16:6). Er möchte den Hass Esaus (Gen 27:41) heilen und auch den Betrug Jakobs. Er möchte alle Dinge mit sich selbst versöhnen (Kol 1:20) und zu diesem Zweck hat er uns den Dienst der Versöhnung gegeben (2 Kor 5:18). Lasst uns also mit Gott zusammenarbeiten und Ihm nicht entgegenwirken. Lasst uns Seine Einladung annehmen, höher zu steigen, um diese höhere Perspektive auf die Dinge zu erlangen. Und ich glaube, dass wir höher steigen können, indem wir uns erniedrigen, indem wir unsere Kronen niederwerfen (Offb 4:10), unsere Sichtweise auf Dinge als Freund oder Feind loslassen und einfach in Anbetung vor dem König der Könige fallen (Jos 5,14).
Es gibt noch etwas anderes, das Gott während der Konferenz zu mir sprach und das ich gerne mit euch teilen möchte. Ich betete gerade für einen der Teilnehmer, als Gott mir diese, meiner Meinung nach, höhere Perspektive gab. Es geht um Jeschua, der im Boot schläft, während ein Sturm tobt, und um seine Jünger, die ihn wecken. Wir lesen davon in drei Evangelien: in Matthäus 8, Verse 24–27, in Lukas 8, Verse 23–25 und in Markus 4, Verse 37–41. In allen drei Fällen wacht Jeschua auf, bringt den Sturm zum Schweigen und tadelt seine Jünger wegen ihres Mangels an Glauben. Ich habe diese Geschichte immer aus der Vorstellung heraus gelesen, dass Jeschua gewollt hätte, dass seine Jünger den Sturm zum Schweigen bringen. Dass darin ihr Mangel an Glauben liegen würde. Doch als ich während der Konferenz für meinen Bruder betete, kam mir plötzlich dieser Gedanke: Was wäre, wenn Jeschua wollte, dass seine Jünger zu ihm kämen, sich neben ihn legten und mitten im Sturm in seinen Armen schliefen…? Wie oft beten wir darum, dass die Stürme in unserem Leben zum Schweigen gebracht werden? Und wie oft besteht Yeshuas Antwort nicht darin, die Stürme zum Schweigen zu bringen, sondern uns mitten im Sturm Shalom zu schenken? So wie Er Petrus einlud, mitten im Sturm über das Wasser zu gehen (siehe Matthäus 14), lädt Er uns vielleicht auch ein, mitten im Sturm neben Ihm zu schlafen…? Ich glaube fest daran, dass die Stürme in dieser Welt nur noch heftiger werden und nicht mehr zum Schweigen gebracht werden (bis zur Wiederkunft Yeshuas). Aber mitten im Sturm hat Yeshua Seinen Shalom für uns, der uns ein so starkes Gefühl der Geborgenheit schenkt, dass wir mitten im Sturm schlafen können. Ich möchte mich jedenfalls so tief in Ihm verlieren, dass ich an diesen Ort gelangen werde!
Im Moment bin ich in Paray-le-Monial, wo ich bei meiner Schwester zu Gast bin. Am vergangenen Wochenende fand das Jesus Festival statt, ein ökumenisches Lobpreisfestival, das in diesem Jahr 7.500 Menschen anzog. Ich habe, genau wie im letzten Jahr, an der Nacht des Lobpreises in der Basilika aus dem 11. Jahrhundert teilgenommen. Es war ein riesiger Segen, und einige Lobpreismomenten waren sehr gesalbt. Der ganz besondere Moment war bei „Loire en Gloire“, einem Lobpreiskollektiv aus Katholiken und Protestanten, denen Israel am Herzen liegt. Sie verbinden Lobpreis und Fürbitte. Während ihres Lobpreises wurde ich eingeladen, mit einigen ihrer (riesigen) Banner zu tanzen, und ich konnte Gottes Gegenwart auf kraftvolle, tiefe und verwandelnde Weise spüren.
Was steht nun auf dem Programm? In den kommenden zwei Wochen fahre ich mit meiner Schwester in den Urlaub, und danach nehme ich mir drei Wochen Zeit zum Schreiben. Gott hat mir bereits vor mehr als drei Jahren ein Buchprojekt gegeben, und ich bin noch nicht dazu gekommen, es zu schreiben … Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr dafür beten würdet, denn ich spüre, dass es dabei viel geistlicher Kampf gibt. Anschließend plane ich, Mitte Oktober wieder in Israel zu sein, um dort eine Zeit der Fürbitte zu verbringen und an Treffen mit TJCII teilzunehmen. Was danach kommt, weiß ich noch nicht, aber wie ich immer sage: Gott weiß, und ich darf einfach Seine Pläne für mich entdecken. Danke, dass ihr mich auf meiner abenteuerlichen Reise mit Jeschua durch dieses Leben begleitet!
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